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Der Buchtipp: Mit »Über(s) Leben« zurück in die Zukunft

Wel­chen Bei­trag kön­nen wir als Christ:innen leis­ten, damit unse­re Gesell­schaft die sozia­len Her­aus­for­de­run­gen der Zukunft meis­tert? Kann ein reli­giö­ses Buch uns dabei helfen?

Campusgemeinde
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Der Buch­tipp: Mit »Über(s) Leben« zurück in die Zukunft
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Am spä­ten Nach­mit­tag des neun­ten Tages im April des Jah­res Unse­res Auf­er­stan­de­nen Herrn 1468, einem Diens­tag, such­te ein ein­sa­mer Rei­ter sei­nen Weg.

Robert Har­ris, Der zwei­te Schlaf

Eine Geschich­te aus dem Mit­tel­al­ter, die uns hel­fen soll, die Zukunft zu bewäl­ti­gen? Denn genau dar­um soll es ja in der drit­ten The­men­wo­che von »Über(s) Leben« gehen, wel­chen Bei­trag wir als Chris­tin­nen und Chris­ten für die Auf­ga­ben der Gegen­wart und die Her­aus­for­de­run­gen der Zukunft leis­ten können.

Immer­hin scheint es ein reli­giö­ser Roman zu sein, den wir mit »Der zwei­te Schlaf« von Robert Har­ris in Hän­den hal­ten. Noch dazu, wo ein Pfar­rer die Haupt­rol­le spielt: Chris­to­pher Fair­fax ist hoch zu Roß unter­wegs, um das Begräb­nis eines Kol­le­gen vor­zu­be­rei­ten. Als er in des­sen Nach­lass stö­bert, macht er einen geheim­nis­vol­len Fund. Der Ver­stor­be­ne hat Relik­te aus weit zurück­lie­gen­den Zei­ten gesam­melt, Spiel­zeug, aber auch Gebrauchs­ge­gen­stän­de. Eines der Gerä­te, das Fair­fax in die­sen Hin­ter­las­sen­schaf­ten ent­deckt, ist aus einem selt­sa­men Mate­ri­al und auf der Rück­sei­te prangt ein Zei­chen, das an die bibli­sche Erzäh­lung vom Sün­den­fall der Mensch­heit erin­nert: »das end­gül­ti­ge Sym­bol für die Hybris und Blas­phe­mie der Vor­fah­ren — ein ange­bis­se­ner Apfel«.

Ein Kult­ge­gen­stand ist es schon, den Fair­fax da ent­deckt hat, aber ursprüng­lich kein reli­giö­ser und christ­li­cher. Viel­mehr han­delt es sich um ein iPho­ne. Nun wird klar, dass die Erleb­nis­se des Pfar­rers nicht in der Ver­gan­gen­heit spie­len, son­dern in einer fer­nen Zukunft. »Der zwei­te Schlaf« ist eine Sci­ence Fic­tion-Geschich­te, aber eine, die wesent­lich rea­lis­ti­scher ist, als es uns lieb sein kann.

Nach und nach stellt sich her­aus, dass Fair­fax in einer Zeit lebt, in der unse­re tech­ni­sche Zivi­li­sa­ti­on schon lan­ge unter­ge­gan­gen ist, geschei­tert an ihren inne­ren Wider­sprü­chen und unfä­hig, die gesell­schaft­li­chen und öko­lo­gi­schen Kri­sen, die sie selbst erzeugt hat­te, zu lösen. Umwelt­zer­stö­rung, Digi­ta­li­sie­rung, unge­zü­gel­tes Wachs­tum bei stei­gen­den sozia­len Span­nun­gen hat­ten zum Zusam­men­bruch geführt und die Mensch­heit in ein neu­es Mit­tel­al­ter zurück kata­pul­tiert — mit einer neu­en Zeit­rech­nung, die jede Erin­ne­rung an die unse­li­ge Ver­gan­gen­heit aus­lö­schen sollte.

Die Kir­che hat­te sich in der Kri­se neu als Auto­ri­tät for­miert und wie­der die Macht über­nom­men. Sie führt ein stren­ges Regi­ment und ver­sucht mit ihren Vor­schrif­ten zu ver­hin­dern, dass die Mensch­heit jemals wie­der die­sel­ben Feh­ler macht, die zu ihrem Bei­na­he-Unter­gang geführt hatten.

Der bri­ti­sche Autor und Jour­na­list Robert Har­ris ist mit his­to­ri­schen Sach­bü­chern bekannt gewor­den, unter­nimmt aber immer wie­der auch Aus­flü­ge in die soge­nann­te kon­tra­fak­ti­sche Geschichts­schrei­bung. Der Titel sei­nes jüngs­ten Wer­kes »Der zwei­te Schlaf« knüpft an die tat­säch­li­che Gewohn­heit vie­ler Men­schen bis in die frü­he Neu­zeit an, den nächt­li­chen Schlaf auf zwei Peri­oden auf­zu­tei­len und dazwi­schen wach zu sein. Er stellt aber damit auch die Fra­ge, ob es sein könn­te, dass die Mensch­heit durch selbst­ver­schul­de­te Feh­ler das Erbe der Auf­klä­rung preis­gibt und zivi­li­sa­to­risch wie­der in den Schlaf zurückfällt.

In der Coro­na-Pan­de­mie erle­ben wir gera­de, wie schon durch eine ver­gleichs­wei­se klei­ne Kri­se vie­le bis­he­ri­ge Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten auf den Prüf­stand kom­men: Wie tref­fen wir Ent­schei­dun­gen in einer Kri­sen­si­tua­ti­on? Demo­kra­tisch durch Par­la­men­te und die Zivil­ge­sell­schaft oder bes­ser durch eine star­ke Exe­ku­ti­ve oder gar einen »guten Dik­ta­tor«? Wie lan­ge kön­nen Grund- und Frei­heits­rech­te »aus­ge­setzt« wer­den, ohne dass der Rechts­staat Scha­den erlei­det? Wel­che Abwä­gun­gen sind dabei zu tref­fen und was pas­siert, wenn wir auf noch grö­ße­re Kri­sen zusteu­ern, wie etwa den Kli­ma­wan­del oder nicht mehr zu steu­ern­de künst­li­che Intelligenz?

Für die Welt, in der »Der zwei­te Schlaf« spielt, gilt es als Tod­sün­de, die Ver­gan­gen­heit zu erfor­schen. Für uns, so sagt das Buch, soll­te es eine Ver­pflich­tung sein, uns den Her­aus­for­de­run­gen der Zukunft zu stel­len, damit uns die Ver­gan­gen­heit nicht einholt.

Robert Har­ris, Der zwei­te Schlaf. Roman, Hey­ne Ver­lag, Mün­chen 2019
ISBN 9783453272088, 416 Seiten

Bild © rob­car­tor­res / Ado­be Stock

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